Weihnachtsmann mit Maske als Christbaumschmuck
Rod Long

Von den steigenden Corona-Inzidenzzahlen bleiben auch die Weihnachtsmärkte nicht verschont: Landauf, landab werden die Regeln verschärft. Das bleibt nicht ohne Folgen. Viele Schausteller sind wütend. Text: Frank Störbrauck

Endlich wieder im Lichterschein bummeln und stöbern, weihnachtliche Spezialitäten probieren, sich mit Freunden auf ein Heißgetränk treffen und auf die Weihnachtstage einstimmen: So sollte es in diesem Jahr in den Städten laufen. Doch in einigen Bundesländern war der Budenzauber bereits beendet, bevor er überhaupt begann. Erst in Bayern. Dann in Sachsen und Brandenburg. Und zuletzt in Thüringen: In vier Bundesländern sind die Weihnachtsmärkte in diesem Jahr komplett abgesagt worden. Auch in Stuttgart und anderen Kommunen in Baden-Württemberg zog man längst die Reißleine. Die Corona-Inzidenzzahlen seien zu hoch, hieß es zur Begründung aus den Staatskanzleien der Länder und aus den Rathäusern. 

Anderenorts in der Republik versucht man es. Dort setzt man mittlerweile fast ausschließlich auf die 2G-Regel. Das heißt: Auf die Weihnachtsmärkte darf nur, wer geimpft oder genesen ist. Einige Kommunen haben die Märkte einzäunen lassen. Rein darf nur, wer die Eingangskontrolle passiert hat. Andere Kommunen führen zur Kontrolle Stichproben durch. In den letzten Tagen haben einige Städte die 2G-Regel noch weiter verschärft. In Köln etwa muss nun ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Woanders  wie etwa in Berlin, Heidelberg, Ulm und Calw  gilt seit Neuestem die 2G-plus-Regel. Das heißt: Geimpfte und Genesene brauchen zusätzlich einen negativen Coronatest. Das strenge Regelwerk birgt aber ein großes Problem. Der Grund: Die Besucherzahlen brechen vielerorts ein.

2G-Schild am Eingang eines Weihnachtsmarktes in Deutschland, auf dem bestimmte Corona-Regeln gelten
Natascha Kaukorat/ Shutterstock.com

Bei den betroffenen Schaustellern sorgen die Absagen und die zunehmenden Auflagen mittlerweile für Wut und Verzweiflung.

Es ist unerträglich, im zweiten Winter in Folge den Kopf für Versäumnisse des Sommers hinzuhalten. Die Schaustellerinnen und Schausteller, aber auch die von der Verödung bedrohten Innenstädte brauchen die Weihnachtsmärkte zum Überleben. Wer uns jetzt mit einem Federstrich erneut die Ausübung unseres Berufes unmöglich macht, muss auch die Frage beantworten, wie unsere Familien die einkommenslose Winterpause von Januar bis März trotz dieser massiven Existenzbedrohung überstehen sollen.

Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes
Geschlossener Weihnachtsmarkt in Leipzig
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Und auch bei den kleinen Weihnachtsmärkten, die noch gar nicht geöffnet hatten, ist die Verunsicherung groß. Am Montag etwa wurde der Weihnachtsmarkt auf der Stauferburg Katzenstein in Baden-Württemberg abgesagt. »Die Coronazahlen steigen und steigen, unsere Politik versagt und überlässt es uns kleinen Selbstständigen, die Verantwortung für ihre schlechte politische Führung und Ihre Unentschlossenheit zu übernehmen. Wenn es dumm läuft, sogar mit einer sehr hohen Geldstrafe, damit wir kleine Unternehmen auch brav gehorchen«, teilten die Veranstalter,  Familie Nomidis-Walter, mit. Man habe lange mit sich gerungen, letztlich sei man aber zu dem Ergebnis gekommen, den Markt abzusagen. Denn:

Was ist ein Markt ohne Lieder, ohne Vorführungen, ohne Christkind, ohne gemeinsam am Glühweinstand zu stehen und den singenden Nikoläusen zu lauschen?

Auch im Erfurter Rathaus ist man sauer – auf die Landesregierung. Die Stadt will prüfen, inwieweit gegen die verordnete Schließung der Weihnachtsmärkte in Thüringen vorgegangen werden kann. Auch wenn auf dem Domplatz der Abbau der Stände begonnen hat, will Oberbürgermeister Andreas Bausewein die Sache gerichtlich klären lassen. »Seit September haben wir gesagt, dass unser Weihnachtsmarkt unter Einhaltung von 2G und Hygienekonzept stattfindet. Noch in der Woche vor der Eröffnung gab es vom Land die Aussage, dass der Markt stattfinden kann. Wenn dann plötzlich das Verbot kommt, wird Politik unglaubwürdig.« Dies spiegele sich auch in den Reaktionen der Leute wieder, die die Regelungen nicht mehr nachvollziehen könnten.

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Wie lange die anderen in Deutschland geöffneten Weihnachtsmärkte noch Glühwein & Co. verkaufen dürfen, steht in den Sternen. An Rufen, die Märkte zu schließen, mangelt es jedenfalls nicht. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, etwa, forderte jüngst gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe, bundesweit die Weihnachtsmärkte zu schließen. Sein Argument: Es bringe nichts, die Weihnachtsmärkte in der einen Region zu verbieten, wenn die Leute dann in eine andere führen, wo sie noch geöffnet seien. 

Skepsis überwiegt auch beim Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund (NSGB) mit Blick auf die Weihnachtsmärkte, die das Land zwar unter strengen Auflagen, aber nach wie vor generell erlaubt.

Es finden momentan schon sehr viel kleinere Veranstaltungen nicht mehr statt. Vermutlich müssen auch Weihnachtsmärkte eher generell abgesagt werden.

Marco Trips, NSGB-Präsident

Aber es formiert sich auch Opposition: Veranstaltungen im Freien abzusagen, hält der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosolmedizin, Gerhard Scheuch, für keine gute Idee. Er sagte der Zeitung »Die Welt«, aus wissenschaftlicher Sicht ergebe ein Verbot absolut keinen Sinn. Denn: Im Freien fänden nur sehr wenige Ansteckungen statt.

In Salzburg hat man die diesjährige Weihnachtsmarktsaison indes noch nicht aufgegeben. Der traditionelle Salzburger Christkindlmarkt am Dom- und Residenzplatz, einer der schönsten und ältesten Adventsmärkte der Welt, öffnete am 18. November 2021 für vier Tage – dann war wegen des Lockdowns in Österreich wieder Schluss. Die Buden bleiben aber vorerst stehen. Der Plan: Nach Ende des Lockdowns, vermutlich am 13. Dezember, soll der Christkindlmarkt wieder geöffnet werden. Damit sich das Geschäft für die Händler lohnt, wird erwogen, den Markt über den 1. Januar hinaus geöffnet zu halten. Man strebe an, den Weihnachtsmarkt bis zum 8. Januar offen zu halten, sagt Wolfgang Haider, Chef des Vereins Salzburger Christkindlmarkt.

Salzburger Christkindlmarkt bei Sonnenuntergang
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Dass der Lockdown so kurzfristig verhängt wurde, »das ganze Jahr über keine Alternativen zu 2020 geschaffen wurden« und dadurch der Christkindlmarkt und alle Weihnachtsmärkte in Österreich zuerst noch die komplette Infrastruktur, Buden und Dekorationen aufbauten und für sämtliche Covid-19 Maßnahmen sorgten, jedoch zeitgleich mit der Eröffnung die Ankündigung der Schließung erfolgte, ärgert ihn maßlos. Der Zutritt zum Salzburger Christkindlmarkt war nur mit einem 2G-Nachweis, einer Bänderausgabe für jeden Besucher, Zutrittskontrollen, FFP2-Maske im Freien und unter Alkoholverbot möglich. Trotzdem kam das vorzeitige Aus nach vier Öffnungstagen. »Von den Erkenntnissen der Aerosolforscher haben die Entscheidungsträger wohl noch nie etwas gehört«, sagt er. Viele Händler seien derzeit am Boden zerstört. Die Menschen seien »sauer, die Stimmung desaströs«. Besonders schlimm sei die Situation für die Händler, deren Ware in der aktuellen Warteschleife verdirbt. Von einigen habe er gehört, dass sie ihr Geschäft aufgeben wollten, mit der Konsequenz, dass es »den ein oder anderen Weihnachtsmarkt in Zukunft nicht mehr geben wird«, so Haiders düstere Prognose. 

Anmerkung der Redaktion.

Anmerkung der Redaktion: Für die Weihnachtsmärkte gelten die aktuellen Corona-Regelungen der Bundesländer und Kommunen. Diese können sich täglich ändern. Vor Ort sind die jeweiligen Sicherheits- und Hygieneauflagen einzuhalten. Wer einen Weihnachtsmarkt besuchen möchte, sollte sich vor Besuch auf den Internetseiten der Veranstalter oder der Kommune informieren.